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Was wir zum Leben brauchen

Heiliger_Martin
Do, 8. Nov 2018
Simone Kreuzberger

Geistliches Wort zum Martinstag

Was braucht ein Mensch wirklich zum Leben? Auf was könnte man eigentlich auch verzichten?

Liebe Leserinnen und Leser,

haben Sie schon mal von sogenannten „Microadventures“ gehört? Bei diesen Mikroabenteuern geht es darum, das Nahe und Bekannte aus einer anderen Perspektive zu erleben und einfach mal raus zu kommen. Das kann z.B. eine Übernachtung im eigenen Garten sein, oder eine Nacht unter dem Sternenhimmel auf einer Waldlichtung. Dafür braucht man nicht viel – es soll ja ein „Abenteuer“ werden. Ohne all den Luxus, der für uns so selbstverständlich ist und reduziert auf das, was man letztendlich wirklich braucht, erlebt man vielleicht auch sich selbst ganz neu. Für eine kurze absehbare Zeit kann das eine tolle Erfahrung sein.

Was braucht ein Mensch wirklich zum Leben? Auf was könnte man eigentlich auch verzichten? Wenn ich so in unseren Keller schaue, gibt es da so einiges, was schon seit Jahren nicht mehr in Benutzung ist, und doch kann ich mich nicht davon trennen. Warum eigentlich?

Wie viel braucht ein Mensch zum Leben? Bei dieser Frage sind wir schnell bei politischen Diskussionen, wo es um Hartz IV Regelsätze geht – aber das greift meiner Meinung nach zu kurz. Ein Mensch braucht nicht nur Geld zum Leben. Eine allgemein gültige Anwort, eine Regel, die für alle gilt, gibt es da nicht. Diese Frage lässt sich immer nur ganz konkret beantworten – für einen bestimmten Moment in einer bestimmten Situation.

Rund um dieses Wochenende finden wieder zahlreiche Martinsumzüge statt. Sie lassen sich zurückführen auf den Hl. Martin von Tours, der von etwa 1500 Jahren als römischer Reiteroffizier mitten im Winter auf einen Bettler trifft, der im Schnee sitzt, friert und hungert. Mit seinem Schwert teilt er seinen Mantel und hüllt den Bettler in die eine Hälfte. Und damit bringt er ein Stück Himmel auf die Erde.

Martin hat erkannt, was der Bettler in diesem Moment braucht. Er hat tatkräftig angepackt, ohne groß zu diskutieren, ob denn etwas anderes gerade angebrachter wäre. Er hat für diesen Moment die Not des Mannes gelindert und hat wahrscheinlich auch nicht darüber nachgedacht, ob das nun vernünftig sei. Dass Martin den Mantel teilte, zog sicher Konsequenzen nach sich. Der Mantel, den er zur Hälfte übrigens selbst erwerben musste, diente nicht nur als schmückender Umhang, sondern auch als Schutz vor der Kälte.

Er gibt also nicht von seinem Überfluss ab, sondern von dem, was er eigentlich selbst auch noch braucht. Er trifft eine Bauchentscheidung und das sind ja oft die besten Entscheidungen, die wir treffen. Es sind die Entscheidungen, die nicht erst die Filter der Bedenken und Vernunft durchlaufen haben, sondern die, die wir im Angesicht von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz treffen.

Auf das, was ein Mensch zum Leben braucht, gibt Martin eine bestechende Antwort. Im Angesicht von Not und Elend macht er uns Mut, auf unser Herz zu hören, anzupacken, zu helfen, womit wir können. Wir können darauf vertrauen, dass Gott unsere Wege führt und das ist manchmal ganz anders, als wir uns das so ausdenken. Laufen lernt man beim Laufen. Hinfallen, wieder Aufstehen und Weitergehen gehören dazu und das ist im Glauben genauso.

In der Geschichte ist Martin nicht nur der Gebende, sondern er wird am Ende auch zum Beschenkten. Seine Offizierslaufbahn muss er zwar an den Nagel hängen, aber im Traum erschien ihm nach der Teilung des Mantels Christus selbst, in die geteilte und verschenkte Mantelhälfte gehüllt. So verbinden sich Himmel und Erde: was wir verschenken, ist nicht einfach nur weg, sondern was wir verschenken verbindet uns mit dem Himmel. So wird ein Stück Reich Gottes schon in diesem Moment spürbar. So können wir innerlich reich werden – das könnte auch ein Mikroabenteuer sein. Und dazu braucht es gar nicht viel…

 

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Simone Kreuzberger,

Gemeindereferentin in St. Marien